Donnerstag, 2. Februar 2012

Steam Noir - Das Kupferherz (Cross Cult 2011)

Mit großen Erwartungen bin ich an diese Eigenproduktion aus dem Hause Cross Cult gegangen. Normalerweise vertreibt man großartige Lizenzcomics aus den USA oder Frankreich, deshalb ist es umso begrüßenswerter, dass man den überschaubaren Markt an deutschen Comicproduktionen um dieses Werk erweitert. Steam Noir bewegt sich unter anderem im Subgenre des Steam Punk. Das ist ein Setting, bei dem z.B. die Zeit des viktorianischen Londons als Ausgangspunkt genommen wird, um sie mit vielen Anachronismen zu verbinden. Man befindet sich also inmitten oder in den Ausläufern der Industriellen Revolution, wobei jedoch alle technischen Gerätschaften mit Dampf statt Elektrizität betrieben werden. Alternativ gibt es auch noch den Ableger "Diesel Punk" bei dem eben Dieselmotoren an die Stelle von Dampfmaschinen treten. Nun, das alleine wäre höchstens für Ästheten besonderen Types ein Grund, in einer solchen Umgebung Geschichten zu erzählen. Die sich aus der Technisierung und den Problemen der Industrialiserung ergebenden Implikationen bilden jedoch das konzeptionelle Fundament für Konflikte, Tragödien und ideengeschichtliche Überlegungen, die sozusagen den "Punk" der dystopischen Welt des Cyber Punks entleihen.
Kurz: Steam Punk bietet auf der einen Seite die Möglichkeit, verkopfte, in Geschichten eingebettete, manchmal revolutionäre, auf jeden Fall aber relevante Gedanken zu transportieren oder eben eine seichte, nostalgische, romantisierte und vielleicht auch naive Fantasiewelt zu erleben. Beide Ansätze miteinander zu verbinden, schaffen die wenigsten Kreativen und ich war gespannt, ob es dem Autoren Benjamin Schreuder gelingen würde. Ich nahm das große Hardcoverbuch, empfand den grafischen Stil von Felix Mertikat sofort als gelungen und versuchte, in die Erzählung einzutauchen.
Anfangs hatte ich überraschenderweise große Probleme. Mir missfielen die Letterboxen (passten nicht so recht in die Bildkomposition, weil zu aufdringlich), der Einstieg (etwas holprig), die Namen der handelnden Personen (unglaubwürdig und irgendwie ausgedacht) und ich war über weite Strecken des Comics unglücklich mit dem Resultat. Der Funke wollte nicht übersprungen, die Dialoge wirkten wenig organisch, als würden die Personen aneinander vorbeireden. Nachdem ich das Comicbuch beendet hatte, habe ich es ein paar Tage liegen lassen und später noch einmal zur Hand genommen.
Worum geht es? Heinrich Lerchenwald ist ein sonderbarer Mensch, der sich mit einem Dampfmaschinenandroiden und einer gewissen Frau D. auf der Spur nach Geisterwesen befindet, detektivische Arbeit leistet und dabei in den Konflikt mit dem Kalendarischen Orden kommt. Man wird direkt ins kalte Wasser der Handlung geworfen und bekommt Erhellendes, wenn, dann nur sehr spärlich in Rückblenden erzählt. Im Nachhinein ein ausgezeichneter narrativer Schritt, der zwar am Ende des Bandes mehr Fragen als Antworten aufwirft, jedoch auch den Beginn einer hervorragenden Serie markiert, die sehr viel Potenzial bietet. Ja, das Comicbuch ist großartig!
Wie kam der Sinneswandel? Auf "Steam Noir" muss man sich einstellen und sollte keine in eine bestimmte Richtung gelenkte Erwartung haben. Natürlich war meine Haltung nach dem Vorgängerwerk der beiden "Jakob" (ebenfalls bei Cross Cult erschienen) sehr stark beeinflusst und ich hatte mir die Geschichte ganz anders vorgestellt. Der Beginn erscheint etwas holprig, aber die Geschichte nimmt schon sehr bald an Fahrt auf, ohne in überbordender Action zu enden, sondern viele ruhige Momente zuzulassen. Geht man richtig an das Comic ran, sieht man hinter den Vorhang und Dinge, die einen vormals gestört haben, machen Sinn und unstreichen den phantastischen Charakter des Werkes.
Wir lernen die Mythen einer Welt, die sich auf Schollen und Ebenen erstreckt, kennen, aber sind ständig darauf angewiesen, dass die notwendigen Hinweise in der Handlung gelegt werden, um das Konzept der Welt zu verstehen.
Nach 56-seitiger Comicunterhaltung findet man noch kleinere Texte zu bestimmten Orten, Bünden oder Personen, die wichtig sind. Durch diese Hintergrundinformationen wird die Handlungswelt viel dreidimensionaler und erhält eben eine deutlich ausgefeiltere Tiefe. Vielleicht konnte ich erst durch dieses Ausgangswissen den Band im zweiten Rutsch so viel mehr genießen, vielleicht war ich aber auch einfach nur in einer falschen Stimmung. Festzuhalten bleibt, dass er nicht kurzweilig ist, sondern bei neuer Betrachtung auch neue Facette und Blickwinkel eröffnet.
Jedenfalls schafft es "Steam Noir", Elemente einer Sir Arthur Conan Doyle Geschichte mit mysteriösen, übernatürlichen Fantasyanleihen zu verbinden. Die Geheimnisse werden sehr klug aufgebaut, sodass beim Leser schnell eine Neugier auf die rätselhaften Zusammenhänge geweckt wird. Wir erleben sehr ruhige Begegnungen, die nachdenklich stimmen und zum Innehalten anregen, aber auch handfeste Actionszenen. Im ersten Band passiert noch gar nicht so wahnsinnig viel. Grade die ruhigen Momente sind behutsam eingeflochten, wirken nicht aufgesetzt, sondern stimmungsvoll. Wie bereits erwähnt, wenig wird erklärt, man fragt sich, was es mit den verschiedenen kauzigen Charakteren auf sich hat, wie die Gesellschaft eigentlich zusammenlebt und nicht zuletzt die Technisierung funktioniert - was es gibt, was nicht und warum das der Fall ist.
All diese Fragen müssen beantwortet werden, später oder auch nicht. Denn durch die flüssige und spannende Handlung sucht man sich selbst Erklärungen und Hypothesen, wie diese fremde Welt zusammenhängt und lebt. 
Viele Details finden sich in den einzelnen Panels und man wird automatisch dazu angeregt, selbstständig über Zusammenhänge zu reflektieren. Felix Mertikat ist jedenfalls ein unglaublich talentierter Zeichner, der merklich keine Schwächen in seiner Arbeit hat. Ihn zeichnet ein sehr geschmeidiger, ausdrucksstarker und übersichtlicher Stil aus, der durch eine bisweilen düstere Kolorierung perfekt zur Handlung passt. Die technischen Gerätschaften sind fantasievoll, aber trotzdem realistisch und durchdacht, Personen und Gesichtszüge sind hervorragend getroffen, genauso wie die erfrischende Panelaufteilung und -gestaltung selbst. Geschichte und Zeichnungen wirken wie aus einem Guss und es ist eigentlich sehr schade, dass schon jetzt feststeht, dass Benjamin Schreuder für den zweiten Band schon nicht mehr zur Verfügung steht. Denn im ersten Band wird nur ein Bruchteil dessen erzählt, was diese eigenwillige und bizarre Welt zu bieten haben könnte. Kinder mit mechanischen Prothesen treten auf, ein scheinbar wohltätiger Doktor wird eingeführt und die Rolle des Roboters Hirschmann sowie der Orden und Bünde ist völlig unklar.
"Steam Noir" ist kein Steam Punk des Steam Punks wegen. Hier kommen keine Luftschiffe oder Gerätschaften vor, weil das eben zum Steam Punk gehört, sondern man merkt, dass Steam-Punk-Elemente auf sehr durchdachte Weise, der Handlung dienlich, eingefügt werden und man im Grunde eine fantastische Erzählung vor sich hat.
Für mich ist es eines der deutschen Comic-Highlights 2011. "Steam Noir" ist vollkommen eigenständig, hat eine ganz spezielle Mentalität und gehört sicherlich auch noch für lange Zeit zu den außergewöhnlichsten Comicbüchern made in Germany. Wenn dieses hohe Niveau über die Folgebände beibehalten werden kann, was sicherlich schwierig wird, hat die Reihe gute Chancen, zumindest für mich einen Klassikerstatus zu erreichen. Einen so grandiosen Zeichenstil mit einer derart intelligent erzählten und entworfenen Handlung hat man selten gesehen.
Die wunderschöne Aufmachung der Cross-Cult-Edition ist deshalb auch mehr als gerechtfertigt und passend. Vielen Dank für dieses Kleinod und ich hoffe inständig, dass es ein kommerzieller Erfolg wird und wir diese Serie noch über mehrere Bände genießen können.
Der Mut solche ambitionierten Projekte zu verwirklichen muss einfach belohnt werden, vor allem dann, wenn sie auf diesem hohen Niveau sind. Zum Comic selbst gibt es noch eine eigene Homepage und es ist mittlerweile auch als eBook u.a. bei iTunes erschienen.

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