Montag, 11. März 2013

Wonder Woman is awesome! Über die Geschlechterrollen in Comics


Mein erstes und letztes Heft der Amazone hatte ich im Juli 1998 in der Hand. Und es sollte noch mehr als 14 lange Jahre dauern, bis sich das änderte.
Nach einem gescheiterten Film und nie wirklich interessanten Auftritten in anderen Serien war die Figur für mich sehr lange ein weißes Blatt, das nichts Reizvolles bot.
Mit dem New52-Relaunch im September 2011 änderte sich das jedoch. Sie bekam eine neue Serie, einen neuen Artist, einen neuen Writer. Weil es jedoch zu viele neue und spannende Serien gab, ignorierte ich die Dame auch weiterhin und das sollte sich als sträflicher Fehler herausstellen.
Denn dann kam der Tag, an dem ich mir einfach mal die Nummer 1 kaufte und binnen weniger Stunden bis zur aktuellen Ausgabe aufgeholt hatte und mehr wollte.
Warum ist Wonder Woman so gut?
Zunächst hatte ich immer eine falsche Vorstellung von ihrem Charakter. Irgendwie hatte sich bei mir eingeschärft, dass sie ein weiblicher Figur wäre, die einfach nur männliche Verhaltensmuster imitiert. Die unabhängigen Amazonen, die feindlich gegenüber dem männlichen Geschlecht eingestellt sind und auf ihre Weise genauso intolerant wirken. Außerdem hatte ich nie wirklich Lust, eine weibliche Hauptfigur zu lesen, die mehr emanzipatorischer Selbstzweck war als alles andere.
Natürlich ist sie die Frau, mit der sich weibliche Comicleser am ehesten identifizieren, aber für mich wirkte "In your face"-Emanzipation immer sehr abschreckend.
Ich möchte weibliche Charaktere nicht als Gegenbewegung wahrnehmen, nicht als offensichtlich konstruierten Gegenentwurf zum männerdominierten Rest der Comiclandschaft.
Für mich funktioniert die perfekte Serie mit einer Protagonistin nämlich so, dass ich sie in ihrer Darstellung und ihrem Handeln als vor allem natürliche Figur wahrnehme.
Denn ich empfinde es nicht so, dass eine Heldin per se schwach ist und deshalb stark dargestellt werden muss.
Natürlich sind die Möglichkeiten, weibliche Probleme und Sichtweisen in ein Superheldencomic zu tragen, sehr begrenzt. Aber obwohl Comics wie Wonder Woman sich primär an Leserinnen richten, haben sie nicht nur den Auftrag, diese zu repräsentieren, sondern auch, und dieser Punkt wird für meinen Geschmack viel zu oft ausgeklammert, bei männlichen Lesern Verständnis zu erzeugen und Vorurteile abzubauen.
Es nützt nichts, wenn eine Seite der anderen vor den Kopf stößt und sich Fronten dadurch nur verhärten statt zu verschwinden.
Azzarello geht, wie ich finde, einen wirklich sehr guten Mittelweg. Zum einen steht in seiner "Wonder Woman"-Serie nicht Emanzipation im Fokus, obwohl sie zweifelsohne ein Teil ist, sondern eine gute Geschichte. Daher wirkt das Heft auch erfrischenend leicht und zugänglich.
Dabei ist Diana nicht die einzige starke weibliche Figur, sondern auch Zola, um die sie sich kümmert, und Hera haben dominante Rollen innerhalb der Geschichte.
Der komplette Plot dreht sich bis zum heutigen Zeitpunkt um das mittlerweile geborene Kind von Zola.
Aber obwohl ich nun ein Comic, das sich eher an Leserinnen richtet, bewerte, habe ich nicht das Gefühl, ein "Frauencomic" zu lesen.
Ist das jetzt gut?
Hat es denn nicht den Sinn verfehlt, wenn es sich doch eigentlich so anfühlen soll, dass hier Widerstand zum restlichen Comiceinheitsbrei geleistet wird?
Oder bedeutet Gleichstellung, dass ich gar keinen Unterschied mehr sehe und weibliche Hauptcharaktere als etwas völlig Natürliches und Selbstverständliches empfinde?
Ich möchte meinen, dass letztere Variante die deutlich progressivere ist und am Ende vernünftiger ist.
Dazu notwendig ist, dass beide Geschlechter nicht idealisiert werden. Eine Wonder Woman, die nach bisheriger Origin aus ihrer Mutter und Lehm entstand, hat für mich schon einen sehr faden Beigeschmack. Die Entwicklung, dass sich Zeus als ihr Vater herausstellt, finde ich sehr gut, weil somit ein völlig neuer Aspekt in ihr Mindset aufgenommen wird: nämlich eine Beziehung zu einem Vater. Damit möchte ich jetzt jedoch nicht sagen, dass Vater und Mutter als normatives Ideal zu sehen sind. Selbstverständlich ist es genauso normal, wenn Kinder von homosexuellen Eltern erzogen werden, aber dieser Aspekt scheint mir bei der Lehmgeschichte nicht wirklich vorhanden zu sein. Auf der anderen Seite funktioniert die alte Geschichte, die sich nun als Unwahrheit herausstellt, zum einen als Konfliktpunkt, da Wonder Woman von ihren Amazonenschwestern aufgrund ihrer Lehmabstammung isoliert und teilweise ausgegrenzt wird, und zum anderen als Reibungspunkt mit ihrer Mutter, die sie von Anfang an belogen hat.
Hinzu kommt die Geschichte, die in der #0 Ausgabe erzählt wird, in der ein weiterer Gott, nämlich Krieg, Diana trainiert und eine temporäre Vaterrolle einnimmt.
Nun wurde oft kritisiert, dass Azzarello die Amazonen als Vergewaltigerinnen darstellt. Diese haben Schiffe mit männlicher Besatzung überfallen, die Männer zum Beischlaf gezwungen, um für die eigenen Nachkommen zu sorgen.
Sollten dabei dann Jungen herauskommen, wurden sie vertrieben.
Das lässt das Volk der Amazonen negativ aussehen – zweifelsohne – und es wird behauptet, dass diese Beschreibung unter die Gürtellinie geht.
Für mich war wiederum diese durch und durch ambivalente Rolle der Amazonen gerade dadurch so interessant, dass sie nicht idealisiert, aber auch nicht genuin schlecht gezeigt werden. Denn die Frauen, die ihre Söhne weggeben müssen, haben sehr stark darunter zu leiden und sind genauso Teil der Gemeinschaft und dieses immanenten Sexismus der Amazonen.
Auf der anderen Seite werden auch die Söhne, die ihr Leben in Knechtschaft von Hephaistos verbringen, damit aber irgendwie auch glücklich sind, von ganz unterschiedlichen Seiten gezeigt. Denn das gängige Rollenbild eines Mannes oder Kriegers würde diese Söhne nicht so darstellen, dass sie dankbar darüber sind, dass sie von einem Mann aufgezogen wurden, nachdem sie von ihren Müttern verstoßen wurden und sich daher in einer lebenslänglichen Demut darüber befinden.
Von diesen völlig unterschiedlichen Darstellungen, die in alle Richtungen bei jedem Geschlecht ganz anders sind, lebt auch das Writing von Azzarello.
Aber die Geschichte funktioniert, und das ist wirklich auch das Besondere, genauso gut, ohne dass man diese Momente mitnimmt und von ihnen auf die Lebenswirklichkeit abstrahieren kann.
Was Azzarello mit dem griechischen Pantheon anstellt und wie intelligent er die Götter mit ihren jeweiligen Attributen einsetzt, ist wirklich mehr als beeindruckend.
Er baut unvorhersehbare Wendungen ein, die völlig logisch und selbstständig enträtselbar gewesen wären, und hält die Geschichte über die komplette Distanz der bisherigen Serie spannend. Man baut zu den Charakteren verschiedene Bindungen auf, da sie sich auch in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln – und zwar aus nachvollziehbaren Gründen. Außerdem werden behutsam externe Bedrohungen am Rande etabliert, die wohl noch in das Geschehen eingreifen und an Bedeutung gewinnen werden.
Dazu kommt das wirklich wunderschöne Artwort von Cliff Chiang, der erfreulicherweise weibliche Attribute überhaupt nicht überzeichnet darstellt, sondern völlig natürlich.
Allein die Designs zu den verschiedenen Gottheiten sind extrem gelungen und auch der Ersatzartist Tony Akins führt Chiangs Stil in seinem Sinn weiter, ohne jedoch seine eigene Note zu unterdrücken, und sorgt damit für ein wirklich homogenes Bild.
Bei Wonder Woman spielt Familie eine extrem große Rolle. Nicht zuletzt mit den Wendungen in den aktuelleren Heften. Dabei ist auch sie nicht unfehlbar, aber sie wird nie – und diesen Vorwurf kann ich nur verneinen – dargestellt, als wäre sie die Freundin von Superman.
Daher kann ich diese Serie momentan wirklich jedem ans Herz legen, der Wert auf eine wirklich ausdifferenzierte und reflektiere Darstellung von Geschlechterrollen in Comics legt.
Natürlich gibt es auch völlig andere Lesarten und ich bin gespannt, wie diese aussehen. Sollte ich versteckt sexistische Momente übersehen haben, bin ich gerne bereit, darüber zu diskutieren, aber ich kann die bisher formulierte negative Kritik nicht wirklich nachvollziehen.

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